album der woche

Monday 06-02-2012

album der woche - various artists - jukebox jam

 

Author : Astrid Hauss

Die schwarze Musik ist ganz offenbar ein unerschöpflicher Schatzkasten. Seit einigen Jahren gibt es in London nächtliche Zusammenkünfte von R&B-Liebhabern. Nun gibt es die erste CD-Kompilation dazu. Samir Köck stellt „Jukebox Jam" als „Empfehlung der Woche" vor. Ein Album, das sich auf ruppigen R&B konzentriert.

Der Brite Simon Reynolds hat im vorigen Herbst ein wirklich spannendes Buch zum Thema Retro geschrieben. Seine Befund lautet, dass wir eine Obsession für die Vergangenheit hegen, die in Mode, Musik, Kunst und neue Medien grassiert. Und tatsächlich, wir leben in einer Phase, in der die Nostalgieindustrie, die Revivals, Reissues, Reunions und Remakes blühen. Ein gutes Beispiel dafür sind die völlig aus der Zeit gefallenen Jukebox Jam Nights in London, wo mehr oder weniger junge Menschen Musik auflegen, die älter als ihre Großeltern ist. Sie fokussieren die Periode zwischen den frühen Fünzigern und den frühen Sechzigern. Damals war der R&B unfassbar rau und ebenso herzlich. Einer dieser subkulturellen Schlenker in die Wurlitzer-Zeit: „Baby Please Don´t Go". Im Original von Dave Bartholomew gesungen, interpretiert auf „Jukebox Jam" die obskure Rose Mitchell. Zweifellos handelt es sich dabei um die ultimative Version dieses Klassikers.

Der frühe Rhythm & Blues war eine wahrhaft subversive Kraft. Er gefährdet die guten Sitten, den Arbeitswillen und die Heile-Welt-Ideologie. Es ist wohl diese heute beinah völlig verlorene gegangene Gefährlichkeit dieser Musik, die affiziert. Der obsessiv sammelnde Brite Gerald Short, besser unter seinem nom de plum Jazzman bekannt, hat diese wunderbar von Liam Large zusammengestellte Kompilation „Jukebox Jam" herausgebracht. Dass es die auch auf Vinyl gibt ist selbstverständlich. Ebenso wie es eine limitierte Auflage vieler dieser Songs auf 7inch gibt. Die Begeisterung und Lebensfreude, die auf diesen zumeist obskuren Songs vermittelt wird, ist mehr als ansteckend. Eine wunderbares Beispiel ist die von der großen Big Maybelle gesungene Version von „I´ve Got A Feelin´". Ihr unpolierter vokaler Duktus fährt auch heutigen Mensch wie ein heißes Buttermesser ins Gemüt.

Neben Otis Blackwell, Little Esther Phillips und Big Maybelle kennt man unter all den Künstlernamen wohl nur noch Etta James. Sie ist mit dem verzehrenden „Nobody Loves You LIke Me" dabei. Die vor wenigen Tagen verblichene Sängerin war zuletzt die neben Aretha Franklin größte Soul-Vokalistin Amerikas. Die von R&B-Revue-Kaiser Johnny Otis entdeckte Etta James hat seit 1952 gesungen. Stets waren es berührende Lieder vom Lieben, Leiden und dem Glück im Unglücklichsein. Mal hingebungsvoll balladesk, dann wieder vital widerborstig – ihre wundervoll herbe Stimme produzierte tränenreiche Kost. In Liedern wie „At Last", „Sunday Kind Of Love" oder „Fool That I Am" fand sich die internationale Solidargemeinschaft der Melancholiebegabten begeistert zusammen. Auf der anderen Seite war James auch eine Meisterin der vitalen, treibenden R&B-Songs wie „Security" und „Something´s Got A Hold On Me". Auch diese Seite an ihr ist total zeitlos. Janis Joplin hat sich in den Sechzigerjahren heimlich zu Etta James' Proben eingeschmuggelt. Heute sind es Rapper, die sie samplen.  Flo Rida etwa, der jüngst das Intro von „Something´s Got A Hold On Me" für seinen derzeit alle Hitparaden anführenden Song „Good Feeling" gekapert hat. Wir aber lauschen viel lieber dem Original!